#1 Warum Weimar Deutschlands Migräne-Hochburg ist, von Ursula 17.01.2015 10:30

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Nirgends in Deutschland werden so viele Migräne-Patienten stationär behandelt wie in und um Weimar: 230 von 100.000 Einwohnern pro Jahr. Ein Gespräch mit Rolf Malessa, Chefarzt der Klinik für Neurologie.

Dr. Rolf Malessa ist Chefarzt der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie am Sophien- und Hufeland-Klinikum. Foto: Peter Michaelis
Weimar. Damit wird das Volksleiden in unserer Gegend zwei- bis dreimal häufiger vor als im Bundesdurchschnitt stationär behandelt. Ein Zustand, über den man sich auch beim "Zeit"-Magazin Sorgen macht: "Denken die Einwohner der Universitätsstadt zu viel? Oder haben sie zu wenig Schlaf?", fragte die Zeitschrift in ihrer Ausgabe vom 8. Januar. Was Weimar zur deutschen Kopfschmerz-Hochburg macht, wollten wir von Rolf Malessa wissen. Der Chefarzt der Klinik für Neurologie am Weimarer Krankenhaus ist seit mehr als zehn Jahren Regionalbeauftragter der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft für Thüringen.

Wovon kriegen die Menschen in Weimar so oft Migräne?

Die Häufigkeit der Krankenhausbehandlungen ist nicht gleichzusetzen mit der Zahl der Migränefälle. Das ist ein Riesenunterschied. Zwar lässt sich ein kleiner Teil der höheren Behandlungshäufigkeit möglicherweise durch regionale genetische Unterschiede erklären. Thüringen und das Saarland sind in der Häufigkeit der Behandlungen vergleichbar: Hier liegen die Fälle ungefähr 50 Prozent über dem Durchschnitt. Das könnte ein indirekter Hinweis auf eine regionale genetische Häufung sein. Das erklärt aber nicht die zwei- bis dreimal höheren Zahlen in Weimar.

Welchen Reim machen Sie sich darauf?

Stationären Behandlungen gehen Einweisungen voraus. Die Erwartungshaltung und der Informationsstand der einweisenden Ärzte in Weimar dürfte entscheidend sein für eine Häufung der stationären Fälle. Die allermeisten Migränepatienten werden ohnehin ambulant behandelt. Eingewiesen werden schwere Fälle, Patienten mit unklaren Kopfschmerzen. Die Ärzte in Weimar scheinen auf einem sehr guten Fortbildungsstand zu sein. Sie wissen, dass man in vielen Fällen heute helfen kann. Das mag auch daran liegen, dass unsere Klinik innerhalb der vergangenen 15 Jahre sehr viele Fortbildungen veranstaltet hat. Die niedergelassenen Ärzte sehen, dass eine stationäre Behandlung selbst bei chronischer Migräne oder Kopfschmerzen, die schon seit 20 Jahren andauern, erfolgreich sein kann. Das motiviert dann auch, weitere Patienten einzuweisen.

In Weimar sind Ärzte also sensibler für diese Beschwerden.

Weil wir spezialisiert sind, stellen wir die Diagnose Migräne manchmal auch in Fällen, in denen anderswo eine Migräne gar nicht bemerkt wird, weil der Patient nicht über Kopfschmerz klagt. Viele Betroffene kommen gar nicht auf die Idee, dass sie Migräne haben könnten, wenn sie episodisch auftretende Beschwerden wie Schwindel, Seh- und Wortfindungsstörungen, Taubheitsgefühle haben.

Unterscheiden sich städtische von ländlichen Regionen bei der Kopfschmerzhäufigkeit?

Ich habe gelesen, dass Kopfschmerz in Städten häufiger vorkommt. Aber das ist ein unspezifischer Effekt. Ich wüsste auch nicht, ob Weimar eher als städtisch oder ländlich zu betrachten wäre.

Sind die Menschen außerhalb von Weimar vielleicht doch leidensfähiger?

Nein. Das ist eine Frage der Einweisungen. Wir holen die Leute ja auch nicht ins Krankenhaus, und die kommen auch nicht von allein zu uns. Die große Zahl kommt durch gut informierte Ärzte ins Krankenhaus.

Mundpropaganda unter Leidensgenossen spielt bestimmt auch eine Rolle?

Sicher. Dazu passt, dass mehr als 50 Prozent der Schmerzpatienten aus dem gesamten Bundesgebiet zu uns kommen.

Und die werden statistisch auch als Weimarer betrachtet?

Nein, die werden nicht mitgezählt. Die Statistik des ,Zeit-Magazins berücksichtigt den Wohnort der Patienten.

Wie vielen Migräne-Patienten, die stationär behandelt werden, kann denn dauerhaft geholfen werden?

Geholfen werden kann den meisten. Inwieweit die Behandlung dauerhaft anschlägt, ist für klinische Ärzte schwer zu beurteilen. Wenn jemand nicht zurück kommt, gehen wir davon aus, dass es ihm gut geht. Aber er könnte sich natürlich auch woanders in Behandlung begeben haben. Wir sehen aber auch: Zehn Prozent der Patienten kommen innerhalb eines Jahres zweimal, z.B. wenn es zu einem Rückfall nach stationärem Schmerzmittelentzug gekommen ist. Die werden von der Statistik dann auch zweimal erfasst.

Die Klinik für Neurologie in Weimar ragt also bundesweit heraus?

Ja. Sonst gibt es das nur an Uni-Kliniken, dass einzelne Abteilungen schmerzspezifische Abteilungen haben. Aber dass eine ganze Neurologie Schmerzpatienten behandelt, ist sehr selten.

Sabine Brandt / 17.01.15 / TLZ



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